Kategorie: Ausstellungen

Die Jubiläumsausstellung „Aus dem Schatten ins Licht – Verfemte Komponist:innen und ihr Erbe“ ab 16.04.2026 im Exilarte Zentrum

Die Jubiläumsausstellung präsentiert erstmals ein Panorama der im Exilarte Zentrum der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien betreuten Nachlässe und gewährt einen Einblick über Leben, Werk und Wirkung verfemter Komponist:innen. Zugleich werden deren Schaffen im historischen Kontext sowie ihre Bedeutung für die heutige Forschung und Erinnerungskultur sichtbar gemacht.

Im Exilarte Zentrum werden die Nachlässe zahlreicher Musiker:innen bewahrt, erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, deren Lebenswege durch Verfolgung, Vertreibung, Exil oder Ermordung während des Nationalsozialismus geprägt wurden. Die Sammlung umfasst Komponist:innen, Interpret:innen, Dirigent:innen, Musiktheoretiker:innen sowie Tänzer:innen und Theatermacher:innen, deren künstlerische Karrieren gewaltsam unterbrochen oder ins Exil gedrängt wurden. Viele von ihnen prägten nach ihrer Flucht die Musiklandschaften ihrer neuen Gastländer maßgeblich, während andere nach 1945 in Vergessenheit gerieten und erst heute durch die Arbeit von Exilarte wiederentdeckt werden.

Die Biografien zeichnen ein vielschichtiges Panorama europäischer Musikgeschichte im Exil: von in Wien ausgebildeten Komponist:innen, die in Hollywood die Filmmusik revolutionierten, über Dirigent:innen, die in Übersee neue Orchester gründeten, bis hin zu Musikpädagog:innen, Musiktheoretiker:innen und Interpret:innen, die in Großbritannien, den USA, Lateinamerika, Israel, Australien oder Asien das kulturelle Leben nachhaltig beeinflussten. Zugleich stehen viele dieser Lebensgeschichten für den unwiederbringlichen Verlust künstlerischer Potenziale durch Entrechtung, Internierung, materielle Not oder Ermordung in den Konzentrationslagern.

Die im Exilarte Zentrum betreuten Nachlässe dokumentieren daher nicht nur individuelle Künstlerbiografien, sondern eröffnen auch einen umfassenden Blick auf die globalen Folgen von Vertreibung und Verfolgung für die Musik des 20. Jahrhunderts. Sie machen sichtbar, wie europäische Musiktraditionen im Exil transformiert wurden und welche kulturellen Impulse aus der Erfahrung von Verlust und Neuanfang hervorgingen. Gleichzeitig verweisen sie auf die lange Phase des Verschweigens nach 1945, in der viele dieser Werke und Namen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden.

Die Jubiläumsausstellung knüpft an dieses einzigartige biografische Archiv an. Anhand ausgewählter Lebenswege macht sie die Vielfalt, Tragweite und Aktualität des Exil-Erbes erfahrbar und verbindet persönliche Schicksale mit musik- und zeitgeschichtlichen Kontexten. Damit leistet sie einen zentralen Beitrag zur Erinnerungskultur, zur historischen Verantwortung und zur nachhaltigen Sichtbarmachung verdrängter Kunst- und Kulturgeschichte.

Die Laufzeit der Ausstellung ist von 16.04. – 20.12.2026

Öffnungszeiten sind:
Mittwoch – Freitag:  15:00 – 19:00 Uhr
Samstag:  13:00 – 17:00 Uhr

An Feiertagen geschlossen.
Eintritt frei!

Die Ausstellung im Exilarte Zentrum: Triangel der Wiener Tradition I Zemlinsky – Schönberg – Hoffmann

Inspiriert vom weltweit gefeierten 150. Geburtstag von Arnold Schönberg beleuchtet die neue Ausstellung im Exilarte Zentrum der mdw das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld des Begründers der Zweiten Wiener Schule. Im Besonderen wird Augenmerk sowohl auf Alexander Zemlinsky, der Schönberg unterrichtete und ihn in die Wiener Musikkreise einführte, als auch auf den Schönberg-Schüler und späteren Assistenten Richard Hoffmann gerichtet, dessen Nachlass sich seit kurzem im Archiv des Exilarte Zentrum befindet

Diese drei Persönlichkeiten, ihre berufliche, freundschaftliche und musikalische Verbindung sowie deren Schicksale während der Zeit des NS-Regimes, werden anhand von Lebensdokumenten, Fotos, Notenmanuskripten und Hörbeispielen nähergebracht.

Unzählige weitere Freigeister des frühen 20. Jahrhunderts aus Musik, Literatur, bildender Kunst und Architektur wie auch wohlhabende Kunstfreunde und Mäzene trafen zum künstlerischen Austausch und zu rauschenden Festen in der von Josef Hoffmann geplanten Künstlerkolonie im damals schon noblen 19. Wiener Gemeindebezirk aufeinander. Der Großteil von ihnen hatte jüdische Wurzeln und wurde von den Nazis verfolgt. Viele konnten emigrieren, viele kamen in den KZs ums Leben.

Schillernde Persönlichkeiten wie Alma Mahler-Werfel, Gustav Mahler, Carl Moll, Koloman Moser, Hugo Henneberg, Sigmund Freud, Egon und Emmy Wellesz, Emil und Yella Hertzka, Richard Gerstl, Adolf Loos und Arnold Schönberg inspirierten einander in dieser von Jugendstil geprägten Villenkolonie, welche als Modell für die Ausstellung nachgebaut wird. 

Arnold Schönberg emigrierte als einer der ersten bereits 1933, Richard Hoffmann 1935 und Alexander Zemlinksy nach dem „Anschluss“ 1938 … Wie sehr verändert das erzwungene Exil einen Menschen, einen Künstler in seinem Schaffen? In der Ausstellung werfen wir einen Blick auf das jeweilige Oeuvre vor und nach der Flucht in eine ungewisse Zukunft.

Die 1947 in den USA geschriebene Partitur zu einem der bekanntesten Werke Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw wird in der Ausstellung kontextualisiert. Zuvor große symphonische Werke verfassend ist Alexander Zemlinsky kompositorisch durch die Verfolgung beinahe verstummt: zu sehen sind die beiden in New York entstandenen Lieder-Sammlungen aus 1938 (op. 27) und 1940 (ohne op.).

Die Frage, wie das Leben in Europa ohne Hitlers Nationalsozialistische Rassenlehre für Millionen betroffener Menschen ausgesehen hätte, lässt sich nicht mehr beantworten und der Verlust, den Europa an künstlerischem Potenzial dadurch verloren hat, nicht bemessen. Wir zeigen auf, mit welch willkürlicher Bürokratie man jüdische und systemkritische Menschen schikanierte. Dokumente wie Zemlinskys Reichsfluchtssteuerbescheid und Alien Registration Receipt Card mit Fingerabdruck sind im Original zu sehen. 

Zemlinsky und Schönberg gelang die Flucht per Transatlantik-Dampfschiff in die USA, Richard Hoffmann emigrierte nach Neuseeland.  Andere Flucht-Schicksale, Wege an Orte des Exils von Frauen, Männern und Kindern werden in der Ausstellung rekonstruiert. 

Vielen Komponist:innen und Musiker:innen aus der damaligen Gesellschaft um Zemlinsky, Schönberg und Hoffmann gelang der Weg in die Freiheit nicht. Sie lebten im Untergrund (zum Beispiel Josef Polnauer, Olga Novakovic u.a.) oder wurden von den Nazis ermordet (zum Beispiel Schönbergs Familienmitglieder oder der Schönberg-Freund und Verleger Henri Hinrichsen).

„Triangel der Wiener Tradition“ betitelt die Verbindung dreier Musiker, die als Komponisten, Pädagogen und Freunde ein ähnliches Schicksal teilten: sie waren jüdischer Herkunft und somit Verfemte und Verbannte.

Fritz Kreisler – Ein Kosmopolit im Exil. Vom Wunderkind zum „König der Geiger“

Die Ausstellung im Exilarte Zentrum veranschaulicht mit zahlreichen Bildern, Notenmaterialien und Lebensdokumenten Kreislers Familiengeschichte, seine Wiener Zeit sowie seine besondere Fähigkeit mit den Medien zu kommunizieren (Plattenfirmen, Zeitungen, Rundfunk). Auch sein Geigenstil (in Zusammenhang mit den großen Konzerten und den Beethoven-Sonaten) wird thematisiert, wie auch seine Bearbeitungen und seine Kompositionsweise. Ebenso wird die historische Komponente der auf „rassischen“ erzwungenen Emigration beruhenden Ausweisung durch den NS-Staat aufgezeigt und – wie dies bei Exilarte-Ausstellungen schon Tradition ist – die Einbeziehung von weiteren vertriebenen und verfemten Geigenvirtuos:innen und Streichquartetten jener Zeit (Alma und Arnold Rosé, Carl Flesch, Bronislaw Huberman, Ferdinand Adler, Busch Quartett, Rostal Quartett etc.) betrachtet.

Fritz Kreisler (Wien, 1875 – 1962, New York) wurde zuerst von seinem Vater unterrichtet, bevor er 1882 am Conservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (heute mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) bei Josef Hellmesberger jun. und Anton Bruckner studierte. Im Alter von sieben Jahren war er das jüngste Wunderkind an dieser Ausbildungsstätte. Nach einem Studium in Paris ging er 1888 mit dem Pianisten Moriz Rosenthal auf eine erfolgreiche Amerikatournee. 

Ein Probespiel bei den Wiener Philharmonikern verlief erfolglos, trotzdem wurde er als Solist eingeladen mit dem Orchester zu musizieren. Weitere Erfolge verzeichnete er unter anderem mit den Berliner Philharmonikern unter Arthur (Artúr) Nikisch. Damit begann eine der brillantesten und lukrativsten Solist:innenkarrieren der damaligen Zeit. 1910 hob Kreisler das ihm gewidmete Violinkonzert von Edward Elgar aus der Taufe.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen in Deutschland waren die Auftritte des Stargeigers aufgrund seiner jüdischen Herkunft von Störungen und Boykottaufrufen begleitet. Auch seine Kompositionen wurden nicht mehr gespielt. Kreisler beendete somit jede weitere Konzerttätigkeit in Deutschland, wohnte aber mit seiner Frau und Managerin, der Amerikanerin Harriet Lies, die durchaus ein gutes Verhältnis zum NS-Regime pflegte, weiterhin in der gemeinsamen Villa in Berlin. 1935 wurde Kreisler mit dem Ehrenring der Stadt Wien ausgezeichnet.

Mit dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938 war Kreislers österreichischer Reisepass ungültig geworden. Nach erfolgreichen Bemühungen um die französische Staatsbürgerschaft gelang im September 1939 der Weg ins amerikanische Exil, wo Kreisler sich mit seiner Frau in New York niederließ und 1943 eingebürgert wurde. Kreislers letzter öffentlicher Auftritt fand 1949 statt. Europa hat der Stargeiger nach seiner Emigration nie wieder betreten. Er verstarb 1962 in New York.